Hinter mir stehen noch ein paar Bierbänke.
Reste vom Rosenheimer Herbstfest. Vor ein paar Tagen war hier noch Ausnahmezustand. Menschen, Musik, Bier, Tracht und Fahrgeschäfte. Jetzt werden die letzten Buden abgebaut, Bierbänke gestapelt und Lastwagen beladen. Und mittendrin stehe ich. Einer, der mit Volksfesten eigentlich gar nicht besonders viel anfangen kann.
Dabei lebe ich gerne in Rosenheim. Sehr gerne sogar. Ich mag diese Stadt. Ich bin gerne zu Fuß unterwegs, entdecke immer wieder Ecken, die ich fotografieren möchte, setze mich irgendwo auf einen Kaffee und beobachte das Leben um mich herum.
Aber aufs Herbstfest? Muss ich nicht unbedingt. Genauso wenig wie aufs Oktoberfest. Das ist manchmal ganz interessant. Denn es gibt Dinge, von denen offenbar erwartet wird, dass man sie automatisch gut findet, wenn man irgendwo lebt oder zu irgendeiner Gruppe gehört.
Bayern?
Lederhose, Bier und Volksfest.
Mann?
Fußball natürlich.
Über 50?
Jetzt aber bitte langsam vernünftig werden.
Tja. Da wird es bei mir schon schwierig. 😏
Ich trinke lieber Wein als Bier. Fußball interessiert mich ungefähr so sehr wie die Gebrauchsanweisung meines Kühlschranks. Und eine Lederhose befindet sich ebenfalls nicht in meinem Kleiderschrank. Dafür gibt es dort ziemlich viele kurze Hosen. Und bunte Socken.
Ich glaube, mit 51 fällt es mir leichter als früher, solche Dinge einfach stehen zu lassen. Ich muss nicht erklären, warum ich etwas nicht mag. Und ich muss schon gar nichts mögen, nur weil andere finden, dass es zu mir gehören müsste. Das bedeutet ja nicht, dass ich mich darüber lustig mache, wenn andere Menschen daran Freude haben.
Im Gegenteil. Wer aufs Oktoberfest gehen möchte, soll hingehen. Wer seine Lederhose liebt, soll sie tragen. Und wer am Wochenende seinem Fußballverein entgegenfiebert, soll dabei verdammt viel Spaß haben. Nur ich muss eben nicht mitmachen.
Vielleicht ist das etwas, das ich mit den Jahren gelernt habe: Man kann dazugehören, ohne überall mitzumachen.
Ich kann Rosenheimer sein, ohne jedes Jahr auf dem Herbstfest zu sitzen.
Ich kann in Bayern leben, ohne eine Lederhose zu besitzen.
Ich kann ein Mann sein, ohne mich für Fußball zu interessieren.
Und ich kann 51 sein und trotzdem noch ziemlich viel ausprobieren, verändern und manchmal auch herrlich unvernünftig sein.
Eigentlich ganz angenehm. Man hört irgendwann ein bisschen weniger darauf, was angeblich zu einem gehört. Und ein bisschen mehr darauf, was wirklich zu einem passt. Hinter mir verschwinden derweil die letzten Reste vom Herbstfest. In ein paar Tagen erinnert auf dem Platz wahrscheinlich kaum noch etwas daran.
Und ich? Ich gehe nach Hause. Dort wartet etwas, auf das ich mich tatsächlich freue. Kaffee mit Pumpkin Spice.
Man muss schließlich Traditionen pflegen. 😏
Bleib Echt. Bleib Du! 🧡
Man liest sich.
Jürgen


